Das Bauhaus-Schachspiel von Josef Hartwig

Das Bauhaus-Schachspiel von Josef Hartwig

Kaum ein Schachdesign hat die Formensprache des 20. Jahrhunderts so nachhaltig geprägt wie das Set, das Josef Hartwig 1923/24 am Bauhaus in Weimar entwarf. Statt gekrönter Könige und geschwungener Läufer schuf er reine geometrische Körper – Würfel, Kugeln, Kreuze –, aus denen sich jede Figur allein durch ihre Form und Bewegung ableiten lässt. Bis heute gilt das Bauhaus-Schachspiel als eines der radikalsten Beispiele dafür, wie konsequent Funktion Gestalt werden kann. In diesem Beitrag blicken wir auf die Entstehungsgeschichte, die Designidee dahinter und darauf, was das Set bis heute für Sammler und Design-Interessierte so besonders macht.

Josef Hartwig und das Bauhaus Weimar

Josef Hartwig (1880–1955) war Bildhauer und ab 1921 Werkmeister der Bauhaus-Steinbildhauerei in Weimar. Wie viele Lehrende und Studierende der Schule folgte er dem Leitgedanken, dass Gestaltung stets aus der Funktion eines Objekts hervorgehen sollte – Ornament und Dekor galten als überflüssig, wenn sie keinen praktischen Zweck erfüllten. Als Hartwig sich 1923 an den Entwurf eines Schachspiels wagte, wandte er dieses Prinzip konsequent an: Er fragte nicht, wie eine Figur traditionell aussieht, sondern wie sie sich auf dem Brett bewegt. Das Bauhaus selbst war 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründet worden, mit dem Ziel, Kunst, Handwerk und Technik zu einer neuen Einheit zusammenzuführen. Hartwigs Schachspiel entstand also nicht im luftleeren Raum, sondern war Ausdruck eines Schulprogramms, das nahezu jeden Gegenstand des Alltags – von der Teekanne bis zur Leuchte – konsequent von seiner Funktion her neu dachte.

Die Designidee: Form folgt Funktion

Das Ergebnis ist bemerkenswert direkt. Der Turm, der sich nur gerade über die Linien und Reihen bewegt, wird bei Hartwig zu einem schlichten Würfel. Der Läufer, der diagonal zieht, erhält die Form zweier gekreuzter, schräg gestellter Elemente. Der Springer, dessen Zugmuster als einziger nicht linear verläuft, ist die einzige Figur, die eine freiere, an ein L erinnernde Form bekommt. Die Dame, die sich in alle Richtungen bewegen kann, wird durch eine Kugel mit umlaufendem Ring dargestellt – ihre volle Bewegungsfreiheit spiegelt sich buchstäblich in der Kugelform. Diese strenge Übersetzung von Spielregel in Form macht das Set zu einem Paradebeispiel funktionalistischen Designs, wie es später als „Bauhaus-Stil" bekannt wurde.

Material und Herstellung

Hartwigs Originalentwurf entstand in Holz, gedrechselt und gefräst in der Bauhaus-Werkstatt – passend zur Werkstattphilosophie der Schule, die Handwerk und industrielle Fertigung zusammendenken wollte. Die reduzierte Formensprache machte das Set zudem vergleichsweise einfach reproduzierbar, was es später auch für eine Vervielfältigung außerhalb des Bauhauses interessant machte. 1924 wurde es auf der Bauhaus-Ausstellung in Weimar erstmals öffentlich gezeigt und avancierte in den folgenden Jahrzehnten zu einem der bekanntesten Designobjekte der Schule – neben der Wagenfeld-Leuchte oder den Stahlrohrmöbeln von Marcel Breuer.

Einfluss auf die spätere Designgeschichte

Hartwigs Entwurf blieb kein isoliertes Experiment. In den folgenden Jahrzehnten inspirierte er zahlreiche weitere Designerinnen und Designer dazu, Schachfiguren nicht mehr als kleine Skulpturen historischer Figuren, sondern als abstrahierte Funktionsträger zu denken. Museen für angewandte Kunst nahmen das Set früh in ihre Sammlungen auf, und es gilt heute neben Objekten wie der Wagenfeld-Leuchte oder Marcel Breuers Stahlrohrsesseln als eines der prägendsten Designstücke, die aus dem Bauhaus hervorgegangen sind. Bis heute wird das Set in Ausstellungen zur Designgeschichte des 20. Jahrhunderts gezeigt und in Fachliteratur immer wieder als Referenzbeispiel für konsequenten Funktionalismus zitiert.

Kritik und Grenzen des Entwurfs

So konsequent die Idee auch war, in der Praxis zeigte sich schnell eine Schwäche: Gerade unerfahrene Spielerinnen und Spieler taten sich mit der Unterscheidung mancher Figuren schwer, wenn sie das Set zum ersten Mal sahen. Wer die Zugregeln nicht bereits verinnerlicht hatte, musste sich die Formsprache erst erschließen – ein Aufwand, den klassische, sofort erkennbare Staunton-Figuren nicht verlangen. Genau dieser Zielkonflikt zwischen radikaler Formreduktion und intuitiver Bedienbarkeit erklärt, warum sich das Bauhaus-Schachspiel nie als praktischer Standard durchsetzen konnte, obwohl es als Designobjekt bis heute gefeiert und in Sammlerkreisen hoch geschätzt wird.

Warum das Bauhaus-Schachspiel bis heute fasziniert

Was das Set von den meisten anderen historischen Entwürfen unterscheidet, ist sein didaktischer Anspruch: Wer die Formen kennt, versteht automatisch die Zugregeln. Ein josef hartwig schachspiel eignet sich damit nicht nur als Sammlerstück, sondern transportiert bis heute eine Designidee, die weit über das Schachbrett hinausreicht – die Überzeugung, dass gute Gestaltung sich aus der Aufgabe selbst ergibt, statt ihr äußerlich hinzugefügt zu werden. Museen und Designsammlungen weltweit zeigen Nachbildungen des Originals, und unter Sammlern werden frühe Auflagen bis heute hoch gehandelt.

Design-Inspiration bei Schach Manufaktur

Ein bauhaus schachspiel original aus der Bauhaus-Werkstatt selbst führen wir bei Schach Manufaktur nicht – dafür handelt es sich um historische Sammlerstücke, die meist über Auktionshäuser oder spezialisierte Designhändler gehandelt werden. Wer sich aber für Sets begeistert, die bewusst mit Form und Kontrast spielen statt sich an die klassische Staunton-Optik zu halten, findet in unserem Sortiment eine passende Alternative: Unser Design-Schachsets setzt ebenfalls auf einen ausdrucksstarken, unverwechselbaren Stil – wenn auch mit einer ganz anderen, erzählerischen Formensprache. Einen Überblick über alle Figurenstile in unserem Sortiment finden Sie in der Schachfiguren-Kollektion.